Manuelle Therapie

Manuelle Therapie ist eine Spezialisierung innerhalb der Physiotherapie zur Untersuchung und Behandlung von Funktionsstörungen des Bewegungssystems. Patienten aller medizinischen Fachrichtungen haben Gelenke, Muskeln und Nerven und wollen bzw. sollen bewegen. Sie untersuchen und behandeln zu können ist daher eine Fähigkeit, die für alle Physiotherapeuten erforderlich ist, gleich wo sie tätig sind (Kaltenborn 2005: VIII und 322).

 

Inhalte der Manuellen Therapie

 

Die Physiotherapie ist konfrontiert einerseits mit dem Patienten, der seine Symptome und klinischen Zeichen beklagt, und andererseits mit der Gesellschaft und ihren begrenzten finanziellen Mitteln. Die Physiotherapie kann vor allem durch Bewegung und Haltung(sänderung) auf das mechanische System einwirken, das arthro-neuro-muskuläre System. Die Bewegungsreize beeinflussen die neurologischen, endokrinologischen und metabolischen Systeme. Das physiotherapeutische Handeln wirkt daher nicht nur auf das Bewegungssystem, sondern über dieses auf den gesamten Organismus. Die Interaktion zwischen Patient und Therapeut ist wesentlich in der Behandlung so wie die Umwelt, in der der Patient lebt (biopsychosoziales Denkmodell und ICF = International Classification of Functioning, Disability and Health - www.who.int/classification/ICF ).

 

Die Untersuchung umfasst 6 Klassifikationen des Patienten und folgt einer klaren und begründeten Logik mit genauen Zielen.
Eine orientierende Untersuchung erlaubt, das Problem auf eine Region zu begrenzen. Dieses wird anschließend in einer spezifischen Untersuchung analysiert. Schließlich sucht der Physiotherapeut (spez. Manualtherapeut) die möglicherweise beeinflussenden oder verursachenden Faktoren. Die Auswirkungen der Erkrankung auf das Leben des Patienten werden anhand der ICF beschrieben. Das Ergebnis ist eine physiotherapeutische Diagnose , die mit einer Probebehandlung überprüft wird.

 

Es ist hervorzuheben, dass die physiotherapeutische Diagnose die Dysfunktion des Bewegungssystems in Korrelation (Zusammenhang) mit den Symptomen des Patienten stellt. Auf diese Art vervollständigt sie die ärztliche Diagnose, die vorwiegend strukturell ist, ohne mit ihr zu konkurrieren.

 

Die physiotherapeutische Behandlung sucht ein Verbessern der Kraft, der Ausdauer, der Koordination und der Beweglichkeit (artikulär, muskulär, neural, .). Diese Funktionsverbesserung des Bewegungssystems wird in das tägliche und berufliche Leben übertragen. Die Behandlung des Bewegungssystems hat auch Wirkungen auf die übrigen Systeme des Organismus wie die inneren Organe.
Die manualtherapeutische (und physiotherapeutische) Behandlung kann in 6 Kategorien eingeteilt werden. Der Physiotherapeut wählt daraus je nach Erfordernissen des Patienten:
• Behandlung der Symptome
• Mobilisation der Hypomobilität
• Erhalten der Beweglichkeit
• Stabilisation/motorische Kontrolle der
Hypermobilität und Training
• Beeinflussung von Gewebeveränderungen
• Information und Instruktion (Schomacher 2001a: 114)

 

GESCHICHTE:
Medizin von der Antike bis zur Neuzeit

 

Die Separation (= Trennen) der Gelenkpartner durch Traktion (= Zug) ist in vielen Darstellungen der vorchristlichen Medizin zu erkennen. In der wohl ältesten Abbildung aus Indien (ca. 3500 - 1800 v. Chr.) streckt Lord Krishna den deformierten Rücken der gläubigen Kubja, indem er stehend ihre Füße fixiert und sie am Kinn hochzieht (Kumar 1996).

 

Die von Hippokrates (460 - 377v. Chr.) überlieferten Werke zeigen zahlreiche Behandlungen mit Zug an den Gelenken, die wahrscheinlich aus chirurgischen Gründen durchgeführt wurden. Sie waren auch im Mittelalter weit verbreitet (Hippocratis Chirurgica 11. Jahrhundert). Der römische Arzt Claudius Galen (129 - 199 n.Chr.) und der persische Arzt Ibn Sena (980 -1037 n. Chr., latinisiert Avicenna) prägten die Medizin der damaligen Zeit und führten die hippokratische Tradition der Behandlung mit Zug an den Gelenken fort (Cramer 1990: 1).

 

Die Seuchen wie große Pest 1348 mögen eine gewisse Abneigung der Ärzte gegen den hautnahen Kontakt mit den Patienten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bewirkt haben (Greenman 1998: 21). Die manuelle Behandlung lebte während dieser Zeit vor allem in der Tätigkeit der Bader und in der Volksmedizin weiter.

 

Manuelle Medizin im 19. und 20. Jahrhundert

 

1874 stellte Andrew Taylor Still (1828-1917) in Amerika erstmals seine Philosophie und Praxis der Osteopathie vor (Greenman 1998:21). Er war nach den damaligen Richtlinien der Medizin ausgebildeter Arzt. Seine Grundkonzepte waren
• die Einheit des Körpers (holistisches = ganzheitliches Konzept);
• die heilende Kraft der Natur, die der Arzt unterstützen soll;
• Veränderungen am muskuloskelettalen System beeinflussen die Gesundheit des gesamten Körpers; Funktion beeinflusst Struktur und umgekehrt; Anwendung von Manipulationen (Greenman 1998:22).

 

1892 folgte die Gründung des ersten College für Osteopathische Medizin in Kirksville, Missouri, USA (Stoddard 1993: XI). 1995 existierten 17 solcher Colleges in den USA mit vollständiger medizinischer und chirurgischer Ausbildung, die über 2000 Studenten pro Jahr als anerkannte ,,Doctor of Osteopathy" ausbildeten (Greenmann 1998: 22). Diese Darstellung beschränkt sich auf die Osteopathie des Bewegungssystems. Sie hat besonders durch den Londoner Arzt und Osteopathen A. Stoddard die Manuelle Therapie der Physiotherapeuten beeinflusst (Stoddard 1971 und 1993). Die später hinzugekommenen Bereiche der viszeralen und kraniosakralen Osteopathie werden hier nicht behandelt.
Merke: Die Osteopathie des Bewegungssystems enthält das Prinzip der Funktionsstörungen des Bewegungsapparates sowie die Behandlung mit Manipulationen, Mobilisationen und Weichteiltechniken.

 

Daniel David Palmer (1845-1913) war Gemischtwarenhändler und "magnetischer" Heiler. Er wurde ein autodidaktischer Manualtherapeut. Er gründete 1896 sein erstes College für Chiropraktik , dessen Ausbildungsstätten in Davenport, Iowa und in Oklahoma City, Oklahoma waren. Sein Sohn Bartlett Joshua Palmer (1881-1961) gab die entscheidenden Impulse für den Beruf des Chiropraktikers. Veränderungen an der Wirbelsäule (Subluxation) ändern die Funktion der Nerven und können somit Krankheit verursachen. Die Beseitigung dieser sogenannten Subluxation galt als entsprechende Therapie. In Amerika, Australien und Neuseeland sind die Chiropraktiker heute in das Gesundheitssystem integriert (Greenmann 1998: 23).
Merke: Die Chiropraxis benutzt das Gedankenmodell der Stellungsdiagnose (Subluxation), eine exakte Röntgendiagnostik und die Behandlung vorwiegend mit Manipulation.

 

In Europa unterrichtete der Arzt Dr. James A. Mennell in London seit 1916 Physiotherapeuten in der "Wissenschaft und Kunst der Gelenkmanipulation" (= Titel zweier seiner Bücher). Er hat mit seinem Unterricht und seinen Büchern wesentlich die physiotherapeutische Manuelle Therapie beeinflusst (Mennell 1945, 1949 und 1952). Sein Nachfolger am St. Thomas Hospital in London war Dr. James Cyriax . Vor allem mit seinem ersten Buch hat er die klinische Diagnostik in der Orthopädie und Physiotherapie wesentlich geprägt (Cyriax 1982). Seine Friktionsmassage (Quermassage) ist heute jedem Physiotherapeuten ein Begriff. Für seine Manipulationsmanöver verwendete er relativ viel Kraft an vor allem in Richtung Traktion (Cyriax 1971).

 

Der Sohn von James A. Mennell, John Mennell, entwickelte die Techniken seines Vaters weiter und schrieb 2 Bücher ("Joint pain", 1964, "Back pain", 1968), die vor allem bei französischen Physiotherapeuten Beachtung fanden und die dortige Art der Manuellen Therapie bestimmten (,,Ia thérapie selon Mennell"). Robert Maigne erhielt 1970 einen Lehrstuhl für Manuelle Medizin in Paris und beeinflusste die Manuelle Medizin in Frankreich.

In Deutschland gründeten Ärzte in den 50-er Jahren die "Forschungsgemeinschaft für Arthrologie und Chirotherapie" (FAC) in Hamm und der "Gesellschaft für Manuelle Wirbelsäulen- und Extremitätengelenkstherapie" (MWE) in Neutrauchburg (Cramer et al., 1990: 337). Beide Gesellschaften schlossen sich 1966 zusammen zur Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM; Cramer et al. 1990: 339).

 

Geschichte der Physiotherapie und der Manuellen Therapie

 

Peer Hendrik Ling gründete 1813 in Stockholm das königliche Zentralinstitut für Gymnastik (Kungliga Gymnastiska Centralinstitutet), in dem pädagogische, militärische und medizinische Gymnastik in einer vierjährigen Ausbildung gelehrt wurden. Die Absolventen - vorwiegend Männer der oberen Gesellschaftschicht - konnten Patienten direkt behandeln und hatten einen autonomen Status neben dem Arzt (Ottosun 2005; Kaltenborn 2007). Die Reichs- und Gewerbeordnung von 1869 erlaubte in Deutschland erstmals die gewerbliche Ausübung der Massage. 1900 gründete Dr. J. H. Lubinus (1865-1937) die erste deutsche Lehranstalt für Heilgymnastik in Kiel (Grosch 1996: 240). Besonders nach dem 2. Weltkrieg wuchs die Zahl der Krankengymnastikschulen rasch. (s. a. Kaltenborn 2007)

 

Zwei Krankengymnasten entwickelten seit den 1950er Jahren ihr Wissen und Können um die manuelle Behandlung zu je einem Konzept, welche beide die Manuelle Therapie für Physiotherapeuten geprägt haben: Geoffrey Maitland, der als Australier großen Einfluss in seinem Heimatland und vor allem im englischsprachigen Raum gewann, und Freddy Kaltenborn, der als Norweger sein Konzept zusammen mit seinem Kollegen Olaf Evjenth insbesondere in Skandinavien, Mitteleuropa und auch Amerika verbreitete.

 

Kaltenborn lernte bei Mennell und Cyriax in London. Von Cyriax erhielt er 1955 die Lehrerlaubnis. Chiropraktiker wurde er 1958 und unterrichtete von 1958 bis 1982 deutsche Ärzte darin. 1971 bekam er die Lehrerlaubnis für Osteopathie von Dr. A. Stoddard und absolvierte 1973 das OMT-Examen (Kaltenborn 2003: VI). Seine Auffassung der Gelenkmechanik ist stark von MacConaill beeinflusst (MacConaill e Basmajian 1977; MacConaill 1989). Kaltenborns Bücher sind in viele Sprachen übersetzt. Durch Vorträge und Unterrichte weltweit prägte er wesentlich die Manuelle Therapie für Physiotherapeuten.

 

In London trafen sich 1967 Kaltenborn und Maitland erstmals, zusammen mit Gregory Grieve, Stanley Paris und anderen (Lamb et al. 2003). Sie diskutierten die Zukunft der manuellen und manipulativen Therapie. Daraus entstand 1974 die Gründung der IFOMT (International Federation of Orthopaedic Manipulative Therapists). Sie ist seit 1978 eine Untergruppe des physiotherapeutischen Weltverbandes WCPT (World Confederation of Physical Therapy) ist. Die WCPT arbeitet mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen.

 

Der Unterschied zwischen den Konzepten von Maitland und Kaltenborn-Evjenth ist nicht eindeutig definiert. Grob lässt sich sagen, das Maitland sein Clinical Reasoning mehr am Schmerz und den Reaktionen des Patienten ausrichtet, während Kaltenborn und Evjenth zusätzlich auch die mechanische Seite für wesentlich halten und die Beweglichkeit und das Endgefühl der Bewegung immer mit beachten.

 

Anfang der 1970-er Jahre stellte man fest, das in einigen Ländern unter Manueller Therapie nur die Untersuchung und Mobilisation hypomobiler (= wenig beweglicher) Gelenke verstanden wurde. Dies mag zum Teil durch einige Bücher bedingt sein, die vor allem diese Techniken als Ergänzung zur Physiotherapie beschrieben. Daher wurde die Bezeichnung Orthopädische Manuelle Therapie (= OMT) eingeführt. Sie steht für ein Konzept zur Untersuchung und Behandlung des gesamten Gelenks inklusive aller Strukturen, die damit verbunden sind. In der Umgangssprache werden die Begriffe OMT und MT oft synonym (= bedeutungsgleich) verwendet.

 

 

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